Schabereien und andere Tricks

 

Der Preis ist heiss


    Ein „fertiges“ Rohr kann je nach Hersteller zwischen Fr.10.00 und Fr.40.00 liegen. Je nach Qualität des verarbeiteten Materials und der Sorgfalt bei Produktion gibt es erhebliche Unterschiede. Natürlich bedarf ein Frischling nicht die gleiche Qualität wie ein Profi, das zeigt sich bereits beim Preis.


    Je mehr Arbeitsschritte man beim Rohrbau selber macht, desto günstiger wird der Einkauf. Den die Produktion ist aufwendig und bedarf spezieller Werkzeuge. Man kann Material fast in jedem Stadium kaufen: vom Stangenholz im Kilopreis bis zum fertigen Rohr. Leider kann auch beim Kauf eines fertigen teuren Rohres nicht eine Garantie abgegeben werden, dass es wirklich gut ist und lange hält.


    Es ist also nicht immer nur eine Frage des Geldes und der Zeit. Auch ein teures Produkt kann „Fehler“ beinhalten und nach kurzer Zeit unbrauchbar werden. Es gibt halt keine Garantie, dass ein Rohr nicht zerspringt oder völlig „erschlafft“. Beim Rohr handelt es sich halt immer noch um ein Naturprodukt.

der kleine Unterschied


Wie ja sicherlich bekannt ist, ist die Oboe eine Doppelrohrinstrument mit gegenschlagender Zunge...


Die Anforderungen an ein Rohr sind hoch. Es soll elastisch sein und trotzdem eine gewisse Spannung aufrechterhalten. Es soll stabil und doch warm im Klang sein. Es sollte eine weile durchhalten und noch Vieles mehr.


Einige Eigenschaften werden direkt durch das Rohmaterial beeinflusst andere durch die richtige Verarbeitung. Das ist der Grund weshalb viele Oboisten es vorziehen ihre Rohre selber zu fertigen. Da weiss man was man hat.

erste Schritte - Halbierung des Holzes


    Ich selber kaufe unfassoniertes innengehobeltes Holz. Das heisst es wurde  bereits auf die richtige Dicke abgehobelt und auf die richtige länge geschnitten. Der Vorteil dabei ist, dass ich meine eigene Façon (also die Grundform des Rohres) verwenden kann. Zudem komme ich so mit einem Stückpreis zwischen Fr.2.00 und Fr.3.00 recht günstig weg. Zwangsläufig ist das Façonieren also mein erster Arbeitsschritt.


    Natürlich beginnt alles viel früher bei Auswahl des passenden Holzes. Hier spielen persönliche Präferenzen eine wichtige Rolle, da es mittlerweile aus der ganzen Welt Holz von guter Qualität gibt. Die Traditionsbewusste schwören auf französisches Holz andere kommen aber mit türkischem, chinesischen, kanadischen, amerikanischen oder sonstigem Holz besser zu recht.


    Das gut gewässerte Holz (trockenes Holz würde sofort brechen) muss erst in der Mitte angeritzt und anschliessend geknickt werden. Das Holz bleibt während der ersten Schritte immer an einem Stück und wird nicht geteilt. Man arbeitet also nicht mit zwei Teilen sondern mit einem Stück.


    Das Arbeiten mit einem Halbiermass empfiehlt sich. Profis knicken das Holz häufig auch ohne, da sie nach jahrelanger Arbeit doch ein recht gutes Gespür für die Verarbeitung haben.


    Ein scharfes Messer ist für alle Arbeitsschritte sehr wichtig. Reisst das Holz ein oder knickt es schräg ist es kaum zu retten (kleine Faserbrücke am Rand spielen keine grosse Rolle in der Mitte sind sie jedoch das Todesurteil jedes Rohres).

Façonieren


    Das halbierte Holz entspricht nun nicht ganz den Anforderungen eines Rohres. Es besitzt auf seiner gesamte Länge die selbe Breite und kann deshalb so nicht für das Aufbinden verwendet werden. Das Holz muss also in Form gebracht oder eben fassoniert werden.


     Die Wahl der Façon, also der exakten Form, ist wieder eine reine Geschmacksache und hat sehr grossen Einfluss auf das spätere Klangbild des Rohres. Die gewählte Façon muss allerdings zu den verwendeten Hülsen (siehe weiter unten) passen, da es sonst nicht möglich ist, ein dichtes Rohr zu fertigen. Wie bei allen Arbeitsgängen reden wir hier natürlich von relativ kleinen bis kleinsten Abweichungen. Die Masse der gewählten Form liegen normalerweise zwischen 7.0 bis 7.3 cm an der dicksten Stelle (an der Spitze des Rohrs).


    Zur Façonierung gibt es verschiedene Werkzeuge. Ich selber besitze ein Modell aus dem deutschen Haus Georg Rieger. Dieses ermöglich durch Austausch des Kopfstückes die Verwendung mehrerer Façon (z.B. für Englischhorn und Oboe d‘Amore).


    Das gekickte Holz wird sauber eingespannt und sicher befestigt. Beim abschneiden des überschüssigen Materials ist Vorsicht geboten, damit man nicht das Holz einreisst und einen sauberen Schnitt bekommt. Andernfalls wäre das Holz unbrauchbar oder würde nicht sauber abdichten (was allerdings in gewissen Mass später behoben werden kann).

Dorn und Hülsen


    Beim nebenstehenden Bild kann man den Unterschied zwischen einem fassonierten und einem unfassonierten Holz sehen. Die Verjüngung am unteren Ende dient dazu, das Rohr auf eine Hülse aufbinden zu können.


     Um das Rohr aufbinden zu können bedarf es natürlich einer Basis. Diese Basis stellt die Hülle dar. Im Idealfall entsprich diese einer genauen Verlängerung der konischen Bohrung der dazugehörigen Oboe. Sie ist also quasi eine Verlängerung der Oboe. Dank der Hülse die ebenfalls konisch ist (ihr Durchmesser nimmt von oben nach unten ständig zu) verläuft die Luftsäule der Oboe vom schwingenden Rohrblatt bis zum Fussstück in einer einzigen gleichmässigen Vergrösserung.


    Zum Aufbinden des Rohres wird ein Dorn verwendet. Dieser gibt mehr Halt und ermöglicht so das Aufbinden mit grosser Kraft ohne die Hülsen zu beschädigen. Natürlich muss der Dorn wiederum den verwendeten Hülsen entsprechen, da diese sonst beschädigt oder verformt würden.


    Natürlich gibt es auch hier wieder nicht nur eine richtige Lösung. Nebst verschiedenen Durchmessern und Formen der Hülsen aus Messing und Kork gibt es verschiedene Lösungen. Nebst anderen Hülsen aus Neusilber gibt es auch solche, die komplett auf den traditionellen Kork verzichten und mit Kunstoff arbeiten. Auch hier gilt wieder, dass der Geschmack des Musikers entscheidet, welche die beste Variante ist.


Aufbinden


    Das Aufbinden des Rohres ist ein sehr wichtiger Schritt (eigentlich sind alle wichtig, aber hier rächen sich Fehler relativ rasch). Die geknickte Façon wird auf die Hülse gesteckt. Zur Fixierung sind verschiedene Methoden gebräuchlich. Nebst dem allseits beliebten Gummiband sind auch kleine Metallhalterungen erhältlich, die einem das Aufbinden vereinfachen.


     Um einen sauberen Übergang zur Hülse zu erhalten empfehlen die meisten die Rinde am unteren Ende der Façon etwas abzuschaben. Damit wird erreicht, dass das Holz biegsamer und weicher wird. Das Abschaben kann auch verhindern, dass das Holz reist bzw. bricht.


    Das Aufbinden ist eine Kunst für sich und wird in verschiedenen Varianten ausgeführt. Da man nur zwei Hände zur Verfügung hat, sind Kreativität und Geschicklichkeit gefragt. Wer einmal bei einem Oboisten zu Besuch ist, soll doch mal schauen, ob er irgendwo an einem Stuhl oder Tisch noch ein Stück Schnur findet. Da man nicht beide Enden der Schnur festhalten kann, aber einen relativ starken Zug zum Aufbinden aufbringen muss, werden häufig Stühle und Tische, aber auch Heizkörper oder andere fest Gegenstände zum Befestigen des einen Endes verwendet.


    Eine besondere Herausforderung stellt der Abschluss dar. Da der Zug aufrechterhalten werden muss lässt sich das Ende schlecht verknoten. Ich benutze wie mein Lehrer eine Art „Hänkerknoten“ um das lose Ende unter die starre Bindung zu ziehen. Es gibt nichts Nervenderes als wenn sich die Wicklung später wieder löst - vor allem wenn das Rohr gut ist...


    Ein leises Knacken bedeutet häufig das Ende des Rohrs. Da beim Aufbinden eine sehr hohe Belastung auf das Material ausgeübt wird, ist hier die eine Überanspruchung am häufigsten.


    Zur Erinnerung: Das Holz ist nach wie vor nur geknickt. Es wird also immer noch mit einem einzigen Teil gearbeitet. Das aufgebundene Rohr ist somit immer noch verschlossen.


Abscheiden


    Das Rohr wird mit einer leichten Überlänge aufgebunden, da man den obersten teil noch abschneiden muss. Eine perfekte Länge des Rohres gibt es nicht, da diese wiederum von der gewählten Façon sowie der verwendeten Hülse abhängig sind. Normalerweise beträgt die Länge jedoch ungefähr 7.4 cm (ein Militärkolleg nahm es immer sehr genau und kürzte die Rohre auf exakt 74.5mm - ob es wirklich soviel ausmacht weiss ich nicht).


    Zum Abschneiden verwende ich eine Guillotine. Dies ermöglicht eine genaue Einstellung der gewünschten Länge und führt zu einem graden Schnitt. Andere verwenden häufig einen Abschneideblock und ein scharfes Messer. Es gibt auch Werkzeuge die einer Nagelschere ähneln.

Schaben


    Alle vorangegangen Arbeiten waren eigentlich nur Vorbereitung auf den eigentlichen Prozess: Das Schaben der richtigen Bahn.


    Das aufgebundene, abgeschnittene Rohr ist bei weitem nicht spielfähig. Die Rinde und die Dicke des Materials verhindern, dass es unter normalen Konditionen schwingt und einen Klang erzeugt. Wie auch bei der Klarinette muss die Rinde teilweise entfernt und die Bahn in die richtige Form gebracht werden.


    Ein Rohr zu fertigen heisst, die Bahn so zu gestalten, dass man an den richtigen Stellen die richtige Menge an Material abträgt. Die Bahn wird nämlich nicht kontinuierlich auf der ganzen Länge nur dünner. Während die Mitte meist etwas dicker bleibt, wird die Spitze sehr dünn geschabt. Der richtige Mix macht es aus.


    Einzelne messen ihre Rohre akribisch genau aus - und zwar auf tausendstel Millimeter. Eine allgemein gültige genaue Formel, die bei allen Rohren funktioniert, gibt es jedoch nicht. Genau so wie jedes Holz anders ist, ist auch der Musiker dahinter anders.


    Das Schaben der Rohre ist eine zeitaufwendigen Arbeit und Bedarf viel Geduld und Geschick. Zuviel weggeschabt heisst wegwerfen und von vorne beginnen.


Etwas leichter geht es mit einem so genannten Aussenhobel. Dieser hobelt das Rohr in eine Grundform, die später noch individuell angepasst werden muss. Das langwierige Schaben der Grundbahn entfällt und spart viel Zeit und Nerven. Da ich weder grosses handwerkliches Geschick noch den scharfen Blick für diese Arbeit besitze habe ich mir eine solche Maschine zugelegt. Sie ist vermutlich einer der Gründe, weshalb ich das Rohrbauen noch nicht aufgegeben habe:-)


    Da jede Oboistin und jeder Oboist eine eigene Vorstellung vom gewünschten Klang hat und Abstimmungen auf den eigenen Ansatz vornimmt, ist eine Standardisierung unmöglich. Darin liegt auch der Grund begraben, weshalb viele Oboisten ihre eigenen Rohre anfertigen oder diese bei ihren Lehrern oder Kollegen beziehen. Ein passendes Rohr ist Gold wert.


    Es gibt wenige Oboisten, die auf schlechten Rohren gut spielen können, aber es gibt sie. Die meisten, ob Berufs- oder Amateurmusiker benötigen jedoch „gute“ Rohre um wirklich gut zu spielen.



    Mein Lehrer sagte mir ganz am Anfang: Man muss erst einen Wäschekorb voll Rohre machen, um es wirklich in den Griff zu kriegen und auch dann gibt es immer wieder Überraschungen (gute und böse).